Dezember 2022

Wir freuen uns sehr über das Interesse an unserem siebzehnten HSBA Finance Blog! Viel Spaß beim Lesen der Dezember-Ausgabe.

Marktrückblick 2022

Inflation / Zentralbank

Das beherrschende Thema 2022 ist die Inflation. In den USA hatten wir eine Peak-Inflation von 9,1% (Juni 2022) und in der EU lag die Peak-Inflation bei 11,6% (Oktober). In diesem Jahr begannen die Notenbanken mit ihrem „Quantitive Tightening“ (Verkauf von Anleihen). Die Renditen der 10-jährigen US-Staatsanleihen sind von 1,5% auf 4,3% in der Spitze gestiegen. Dies hing vor allem damit zusammen, dass die FED ihre Leitzinsen in diesem Jahr insgesamt auf 4,5% angehoben hat. 

Die EZB war mit ihren Zinsschritten im Jahr 2022 etwas zurückhaltender und erhöhte seinen Leitzins auf 2,5%. Durch die geldpolitischen Maßnahmen notiert die deutsche Staatsanleihe seit Anfang des Jahres bei einer positiven Rendite. Zusätzlich ist die EZB in ihrem Handeln zurückhaltender, da sie vor allem von einer temporären Energiepreisinflation ausgeht. Der kurzfristige Anstieg der Inflation ist erkennbar, wenn ein Blick auf die Containerpreise geworfen wird. Diese sind von 10.000 USD auf 3.400 USD gesunken, welches für eine Entspannung der Lieferkettenprobleme hindeuten könnte. Ein zusätzlicher Faktor, der die Inflation 2022 antreibt, ist der starke US-Dollar.

Aktienmärkte

Die Aktienmärkte waren von starker Volatilität geprägt. Durch das „Quantative Easing“ (Kauf von Anleihen) der Zentralbanken floss viel Geld in die Finanzmärkte und aufgrund dessen, dass es keine bis sehr geringe Zinsen gab, floss vor allem viel Geld in den Aktienmarkt. Die Nachfrage war vor allem groß nach Wachstumsunternehmen, die eine wahnsinnige Geschichte um ihr Produkt erzählten und Aktionären großartige Wachstumsraten versprachen. Diese Unternehmen sind selten profitabel und verfügen über wenig Eigenkapital. Aufgrund dessen, dass diese Unternehmen sehr zinssensitiv reagieren, büßten diese Unternehmen 2022 sehr viel an Marktkapitalisierung ein. Durch erhöhte Zinsen verringerte sich die Marge. Bei produzierenden Unternehmen hatten die Energiekosten einen starken negativen Einfluss auf die Marge. Diese erhöhten Produktionskosten konnten nur bedingt weitergegeben werden. Ein zusätzlicher negativer Margenfaktor ist der Abbau von Personal. Viele Unternehmen scheinen beim ersten Blick derzeit unterbewertet zu sein, wenn man im Detail die Bilanzkennzahlen analysiert, stolpert man über den einen oder anderen Stein. Beim Beispiel Vonovia ist die derzeitige Marktkapitalisierung deutlich über dem Buchwert. Dies deutet grundsätzlich auf eine Unterbewertung hin. Dabei lässt sich feststellen, dass beim Verkehrswert des Immobilienbestandes keine Reduktion des Postens stattfand, obwohl aufgrund der derzeitigen Verzinsung die Immobilien im Preis sinken müssten. 

USA

Auf Indexebene gab der S&P 500 deutlich weniger nach als der Nasdaq 100, da der S&P 500 breiter aufgestellt ist und mehr Unternehmen aus etablierten Branchen wie Versorgung oder Konsum stammen. Beim Nasdaq 100 war es sehr auffällig, dass die nicht Indexschwergewichte bereits sehr stark in der ersten Jahreshälfte korrigierten und seitdem haben die Aktien keine neuen Tiefs mehr gemacht. Dann gibt es da noch die Indexschwergewichte, die in der zweiten Jahreshälfte auf neue Tiefs gefallen sind und somit den Index stark nach unten beeinflussten. Diese starke negative Performance der US-Indexes haben wir als europäische Investoren bedingt wahrgenommen, wenn wir keine währungsgehedgen ETFs in unseren Depots haben. Der Grund für die bessere Performance hängt mit dem stärkeren US-Dollar zusammen. Es bleibt abzuwarten, ob wir in Zukunft eine Underperformance der nicht währungsgehedgen ETFs im Vergleich zum Underlying Asset sehen. Dies wird der Fall sein, wenn der Euro wieder stärker wird.

Europa

Europa kam in der ersten Jahreshälfte stärker unter Druck als die USA, da überwiegend die produzierenden Unternehmen eine sehr starke Abhängigkeit von der russischen Energie haben. Die Unternehmen fuhren ihre Produktion zum Teil herunter. Die Unternehmen kappten in der Regel mehrfach ihre Gewinnprognosen durch immer stärker ansteigende Energiepreise. Aufgrund dessen das in Europa die Energiespeicher über den Sommer aufgefüllt wurden und während des milden Herbstes weniger aus den Speichern entnommen wurde. Zusätzlich wurden die LNG-Terminals an das Energienetz angeschlossen. Diese Faktoren führten dazu, dass der aktuelle Stand unter den Prognosen und dem Durchschnitt der letzten Jahre liegt. Dies hatte zur Folge, dass die Öl- und Gaspreise von ihren Hochs signifikant zurückgekommen sind.

Schwellenländer 

Die Schwellenländer wiesen dieses Jahr ebenfalls eine hohe Korrelation im Vergleich zum Stoxx 50 und S&P 500 auf. Dennoch gab es ein späteres Kurstief, das hing damit zusammen, dass Xi Jinping für seine dritte Amtszeit wiedergewählt wurde. Darüber hinaus fiel das Wachstum des BIP schwächer aus als erwartet. Diese beiden Einflussfaktoren sorgten für weitere Zurückhaltung in der chinesischen Wirtschaft. Ein Schwellenland, welches dieses Jahr auf jeden Fall mit einer starken Performance glänzen konnte, ist Indien, mit einem Plus von 4%. Beim Blick in die Vergangenheit ist erkennbar, dass die jährliche Performance des Nifty 50 sehr viele andere Schwellenländer signifikant outperformt. Von daher bleibt abzuwarten, ob sich der starke Trend Indiens in Zukunft fortsetzen kann.

Gold & Silber

Infolge des Hochfahrens der Produktionsraten stieg die Nachfrage von Silber an. Zudem besteht mehr Nachfrage nach Silber in grüner Infrastruktur und 5G-Technologie. Aufgrund des Defizits könnte der Preis beim weiteren Hochfahren der weltweiten Industrie zu weiter steigenden Silberpreisen führen. Gold hat dieses Jahr mal wieder gezeigt, dass es einen vermögenerhaltenen Charakter in unsicheren Zeiten besitzt, wie es zu Beginn 2022 mit dem Russland-Ukraine der Fall war. Im weiteren Verlauf kam Gold dennoch unter Druck, da die steigenden Leitzinsen einen negativen Einfluss auf den Goldpreis haben. Denn die Attraktivität von risikoloseren Investments steigt. Zwar hatten wir seitdem einen sehr konstanten Euro Gold Kurs gesehen, was mit dem stärkeren Dollar zusammenhing.

Kryptowährung

Im Zuge des „Quantitive Tightenings“ und der Erhöhung der Leitzinsen kam es zur Risk off Phase, in der Risikoassets abgestoßen wurden. Infolgedessen führte dies zu einer sehr starken Korrektur im Kryptomarkt. Bitcoin fiel um 64% und Ethereum fiel um 68%. Im April/Mai bekam das Projekt Terra Luna viel Aufmerksamkeit, denn ein erhöhter Verkaufsdruck auf einen programmierten Stablecoin hat dazu geführt, dass der gesamte Stablecoin infolgedessen kollabierte. Im Oktober gab es die Veruntreuung der Kundengelder von FTX, sodass die Kunden nicht mehr Zugriff auf ihr Geld haben, welches auf der FTX-Börse herumlag. Wenn man sich den 4 Jahreszyklus von Bitcoin betrachtet, befinden wir uns derzeit im Winter. Der davon gekennzeichnet ist, dass es zu sinkenden Kursen kommt und die Stimmung sehr pessimistisch ist. Es findet eine Bereinigung des Marktes statt. Laut der Theorie könnte es 2024/2025 zu neuen Höchstständen kommen, da sich der Markt dann aller Voraussicht im Sommer bzw. Herbst befindet. Die zukünftige Entwicklung der einzelnen Crypto Coins hängt von dem jeweiligen Einsatzzweckes und der jeweiligen Entwicklung des jeweiligen Assets ab.

Es bleibt abzuwarten, ob wir schon den Boden der Korrektur gesehen haben. Denn ein Übertreffen der Erwartungen bei den nächsten Inflationszahlen könnte den Markt in eine nächste Korrekturphase führen.

Quellen: Handelsblatt.com; spiegel.de; Forbes.com; statista.com; statista.com; tagesschau.de; sueddeutsche.de; ir-api.eqs.com; ishares.com; ishares.com; investing.com; deutsche-wirtschafts-nachrichten.de; capital.de; cmcmarkets.com; wiwo.de; wsj.com; report.vonovia.de

Autor: Bjarne Quast

Der Inflation Reduction Act und seine Bedeutung für die europäische Wirtschaft und das transatlantische Verhältnis

Eines der wichtigsten Gesetze in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika nannte Joe Biden den Inflation Reduction Act oder IRA im September, nachdem es nach langen Verhandlungen im Kongress beschlossen wurde. Mit dieser Aussage dürfte der Präsident nicht übertrieben haben, der IRA dürfte einer der größten Erfolge in der ersten Amtszeit von Joe Biden sein. Zum einen enthält das Gesetz eine Preisobergrenze für bestimmte Medikamente wie Insulin. Viele Amerikaner leiden an Krankheiten wie Diabetes und können sich die Preise von Medikamenten, die oft um ein Vielfaches teurer als in Europa sind, kaum leisten. Doch die Folgen des IRA gehen weiter. Ab dem 31. Dezember 2022 müssen Unternehmen eine Mindeststeuer von 15 Prozent an den Staat abgeben. Hiermit sollen die Praktiken zur Steueroptimierung von Unternehmen insbesondere im Technologiesektor eingedämmt werden.

Doch welche Auswirkungen hat die neue Gesetzgebung auf Unternehmen außerhalb der USA? Durch den Inflation Reduction Act werden in den nächsten Jahren Subventionen in Höhe von fast 400 Milliarden US Dollar bereitgestellt, mit denen die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsfähigkeit und Produktivität verbessert werden sollen. Grünes Wachstum soll den USA eine Vorreiterrolle in der Bekämpfung der Klimakrise bescheren – momentan sind die Vereinigten Staaten nach China der zweitgrößte Verursacher von CO2 Emissionen. Pro Kopf belegten die USA 2021 den zwölften Platz, mit einem Austausch von Treibhausgasen von 14,86 Tonnen. Die meisten Emissionen pro Kopf verursachte das Emirat Katar mit 35,59 Tonnen pro Jahr, in Deutschland sind es im Vergleich 8,09 Tonnen. Mehr als die Hälfte der Fördermittel sollen deshalb die Energieproduktion der USA nachhaltiger gestalten. Doch auch die Produktion von nachhaltigerer Fortbewegung wie elektrischen Autos wird staatlich gefördert. Doch sind die Subventionen nicht bedingungslos. Produkte oder ihre Komponenten müssen in den Vereinigten Staaten produziert werden – eine Ausnahme gilt für die ehemaligen NAFTA Staaten Kanada und Mexiko. Es gilt also auch unter Joe Biden „America first“. Für europäische Unternehmen stellt dies eine enorme Problematik da. Durch die Invasion der Ukraine durch Russland und die Sanktionen gegen den Kreml sind die Energiekosten in Europa stark gestiegen, da man statt billigem russischem Gas auf teures LNG vom Weltmarkt zurückgreifen muss. Gerade in Deutschland, wo die Regierung Merkel 2011 einen Atomausstieg beschloss, ohne eine wirkliche Alternative zu haben, ist das eine enorme Belastung für die Industrie. Die USA sind ebenfalls von der Inflation betroffen, aber dennoch in ihrer Energieproduktion unabhängig vom Ausland. So verfügt die USA über enorme Ölfelder wie beispielsweise in Texas und erschloss sich durch Fracking zusätzliche Kapazitäten. Durch diese Kombination aus günstigeren Energiekosten und hohen Subventionen besteht deshalb das Risiko, dass europäische Firmen in hoher Zahl in die Vereinigten Staaten umsiedeln. Allein BMW eröffnete dieses Jahr erst eine neue Produktion in South Carolina – natürlich nachdem sich das Unternehmen vorteilhafte Subventionen gesichert hatte.

Eine Deindustrialisierung Europas wäre für keine Seite des Atlantiks von Vorteil. Ein geschwächtes Europa wäre nicht mehr in der Lage die USA in den Sanktionen gegen Russland zu unterstützen oder die EU müsste ihrerseits ein ähnliches Subventionsprogramm beschließen. Durch Chinas zunehmend aggressives Verhalten gegenüber Taiwan und im Chinesischen Meer wollen die USA ihren geopolitischen Fokus eher auf den Pazifik als auf Europa legen, für eine stabile Sicherheitslage braucht Washington deshalb wirtschaftlich gesunde Partner in Europa, die auch in der Lage sind, einen höheren Wehretat zu finanzieren und sich auch weitestgehend gegen einen möglichen Angriff des russischen Diktators Wladimir Putins auf NATO-Territorium zu verteidigen.

Den IRA in gewissen Punkten anzupassen war einer der zentralen Punkte des französischen Präsidenten bei seinem Besuch in Washington. Indem der IRA auch europäische Firmen in den Subventionen inkludiert, beispielsweise bei Batterien von Elektroautos, würden Unternehmen zwar weiterhin Teile in Europa fertigen, die Endmontage würde jedoch weiterhin in den USA stattfinden. Joe Biden und seine Regierung haben bereits Bereitschaft gezeigt, den Inflation Reduction Act in Teilen anzupassen, was die transatlantischen Beziehungen entspannen sollte. Dennoch muss die Europäische Union sich bewusst sein, dass die hohen Energiekosten eine der größten Probleme für die eigene Wirtschaft darstellen. Der Ausbau erneuerbarer Energien muss schneller vorangetrieben werden als bisher, da man Energiepreise durch schuldenfinanzierte Preisdeckel nicht langfristig niedrig halten kann. Für die Ampelkoalition bedeutet das eine Reduzierung der Bürokratie und schnellere Genehmigungsverfahren im Bau von Wind- und Solarenergie, um die Fehler der Merkeljahre zu vermeiden.

Quelle: home.kpmg/de; whitehouse.gov; McKinsey.com; statista.com; investopedia.com; e3g.org

Autor: Maurice Häger

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